Kinder, Kinder... und?

Kinder, Kinder... und?

Als Teil ihres Abschlussprojekts hatte eine Studentin Interviews mit Pastoren im frankophonen Afrika ausgewertet mit Schwerpunkt ‚Arbeit mit Kindern als Schlüssel für den Gemeindebau im südlichen Afrika‘. Der Altersdurchschnitt Afrikas südlich der Sahara liegt fast durchweg unter 20 Jahren. Das älteste afrikanische Land – Südafrika – ist mit einem Durchschnitt von 27,1 immer noch sehr jung. Dagegen ist Deutschland mit 47,1 Jahren das drittälteste Land der Welt – nach Monaco und Japan. (Quelle)

Was bedeutet diese demographische Realität für Mission und Gemeindearbeit in Afrika? Welchen Stellenwert nimmt der Dienst an Kindern und Jugendlichen in der Arbeit von westlichen Missionswerken ein? Und was bedeutet diese ungeheuer junge Bevölkerung Afrikas für die Zielsetzung und die Inhalte theologischer Ausbildung?

An der ESCT bieten wir keinen Masterkurs zur interkulturellen Arbeit mit Kindern an. Und selbst wenn wir einen Dozenten finden würden, würden Studenten diesen Kurs belegen? Die christliche Arbeit mit Kindern wird traditionellerweise Müttern und Jugendlichen überlassen, wenn sie überhaupt im Blick ist. Wer rüstet einheimische christliche Leiter, Eltern und Jugendliche dafür aus, Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg des Erwachsenwerdens zu begleiten? Wer findet neue Wege, der jungen Generation die Tür aufzumachen zur Nachfolge Jesu?

Hier zeigt sich ein Stück Armut der Kirche im nachchristlichen Westen: Ihre Theologie – auch die praktische Theologie – hat zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen wenig zu sagen. Ein beträchtlicher Teil des westlichen „Theologieexports“ hat mit den Bedürfnissen vor Ort wenig zu tun.

Dabei steht auch der Westen im Blick auf die nächste Generation von Christen inmitten gewaltiger Umwälzungen. Die alte Aufgabenverteilung christlicher Erziehung zwischen Eltern, Schule und Kirche im nachchristlichen Europa greift schon seit einigen Jahrzehnten nicht mehr. Eltern im Westen sind heute gefragt, ihre Kinder in einem nichtchristlichen Umfeld zu erziehen. Doch in ihren Gemeinden erhalten sie dabei wenig Unterstützung, nicht zuletzt auch deshalb, weil in der theologischen Ausbildung Kindererziehung und die Unterstützung von Eltern höchstens Randthemen sind. Die zunehmende Überalterung von Gemeinden führt eher dahin, Pastoren für die Begleitung von Senioren einzustellen und die Arbeit mit Kindern mehr oder minder der Zufälligkeit zu überlassen. Und selbst Gemeinden, die nach einem Kinderpastor suchen, finden niemand, vielleicht auch weil dieser Beruf in Deutschland wenig Wertschätzung erfährt und wenig Zukunftsperspektiven bietet.

Wer nimmt sich dieser Herausforderung an? Das will nicht heißen, dass es einen Masterabschluss braucht, um biblische Geschichten erzählen zu können. (Hoffentlich verlernt man dies im Studium nicht…) Nein, es geht mir um die grundlegende Reflexion, z.B. darüber, wie Identitätsbildung und kulturelle Prägung in einer globalisierten und digitalisierten Welt gestaltet werden kann; oder wie im Zeitalter von YouTube und Netflix echte Menschen zu Vorbildern werden können, und vor allem darum, wie Eltern für eine christliche Erziehung befähigt werden können, wenn Erziehung entweder als Privatsache oder als Aufgabe des Staats gesehen wird.

Zuletzt noch: Im Gespräch mit Studenten des PhD-Programms Internationale Theologische Ausbildung berichtete eine Studentin von ihrer dienstbegleitenden Bibelschule für Pastoren im südlichen Afrika. In regelmäßigen Abständen kommen die Pastoren aus der Region zur Weiterbildung zusammen. Auf die Frage, mit welchem Thema sie sich beim nächsten Mal beschäftigen möchten, war die einstimmige Antwort der afrikanischen Dorfpastoren: „Wie bringen wir unseren Kindern bei, mit dem Smartphone und Internet verantwortlich umzugehen? Und wie helfen wir Eltern dabei in der Kindererziehung?

Tobias Menges
(M.A. Intercultural Studies, CIU; zur Zeit Doktorand) Tobias Menges ist geschäftsführender Dekan der ESCT, davor leitete er seit 2013 das Studienangebot auf Bachelor-Ebene. Nach einer technischen Berufsausb ...
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15.07.2019