The Spirit of the Law

The Spirit of the Law

Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Das gilt übertragen für die „Gesetzestexte“ in der Bibel genauso wie für die Gesetze unserer Länder. Gesetze geben Orientierung, einen Rahmen, der gemeinsames Leben möglich macht, Grenzen aufzeigt, Schwache schützt, dem Missbrauch wehrt. Gesetze weisen auf den Charakter dessen hin, der sie erlassen hat. Die zehn Gebote zeigen Aspekte von Gottes Charakter auf – Gott lügt nicht, Gott stiehlt nicht, Gott gebührt die alleinige Anbetung.

Die Gesetze unserer Länder sind ebenso ein Abbild ihrer „Charaktere“ – ihrer Werte, ihrer Ethik, ihrer Gewissensprägung.

In einem Rechtsstaat können wir grundsätzlich davon ausgehen, dass Gesetze mit den besten Motivationen erlassen werden. Aber was geschieht im Vollzug sehr oft?

Gestern hörte ich von einer jungen Frau, die ihre ehrenamtliche Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe desillusioniert aufgibt. Warum? Nicht wegen der Flüchtlinge, der kulturellen Herausforderungen, der Sprachbarrieren… Sie gibt auf, weil sie es nicht mehr mitansehen kann, wie Flüchtlinge in den bürokratischen Mühlen auf unwürdige Weise zermahlen werden. Das Gesetz ist für den Menschen da? Irgendwas scheint da schiefzulaufen…

Ich schaue in mein berufliches Umfeld – auch da gibt es den Hang dazu gute Regelungen so auszulegen, dass sie eben nicht befähigen, freisetzen, möglich machen – sondern einschränken, ausbremsen, ausgrenzen.

Ist das eine zutiefst menschliche Sache, diese Tendenz, sich an „klaren“ Vorgaben zu orientieren? Es ist oft leichter, eine Regel anzuwenden, als den Menschen, den es betrifft, in seiner Gesamtheit zu sehen und nach lebbaren Möglichkeiten zu suchen. Die Sache ist dann „schnell vom Tisch“. Und: Die Verantwortung liegt dann „beim System“ und nicht bei mir selbst – denn ich „kann ja nicht anders“.

Verfasse ich hier ein Plädoyer für Rebellion,für Beliebigkeit oder für Anarchie? Mitnichten!

Dies ist ein Plädoyer, wach zu sein für den „Spirit of the Law“ – der in den allermeisten Fällen größere Handlungsräume erschließt als der „Letter of the Law“ das jemals könnte. Ja, dann ist das Ermessen in der einzelnen Situation gefragt – und es braucht gute Begründungen für die jeweilige Entscheidung. Und es bleibt ein nicht unbeträchtliches Restrisiko, dass man dafür „auf die Finger bekommt“.

Aber schaut man genau hin, was mit Menschen geschieht, die so eine „Rechtsprechung“, die den Geist des Gesetzes belebt, erleben, dann sehen wir: Ihnen wird Perspektive geschenkt, Hoffnung, Zutrauen auch darin, dass sie die ihnen gebotene Chance nutzen! Bis in die Körpersprache geht das – sie richten sich auf, die Augen strahlen – so sieht ein möglicher weiterer Weg aus. So kann Leben gestaltet werden – im Großen wie im Kleinen.

Sind wir in unserem persönlichen und beruflichen Entscheidungsraum bereit, diese Chancen zu nutzen und die Risiken einzugehen? Das Gesetz ist für den Menschen da – nicht der Mensch für das Gesetz. Wie viel Mut haben wir?

01.11.2016